In der Kirche


Aus: Margrit Fankhauser, Ein paar Körner Salz, Berchtold Haller Verlag, Bern, 1995

„Die Kirche in meinem Heimatdorf war schon immer recht dunkeI. Vor gut fünfzig Jahren hat man die Fenster im Chor mit starkfarbigen und modernen Glasmalereien versehen, die im Licht der Morgensonne wunderbar leuchten, aber dem Raum einen grossen Teil der Helle nehmen. Und nun war wieder renoviert worden. Auf Anweisung der Denkkmalpflege mauerte man die Fenster an der Rückwand zu. Die Kirche ist ohne künstliiches Licht nicht mehr benützbar.

Als ich, aus der Helle des Nachmittags kommend, den Raum betrete, kann ich erst überhaupt nichts sehen. Mühsam taste ich mich im Dunkeln vor, erreiche die Lehne eines Stuhls und tappe dann vorsichtig gegen das Chor, wo es etwas heller ist. Dort setze ich mich auf eine Bank.

Das Elektrische zünde ich nicht an. Ich will ja nicht die Kirche besichtigen, nur ein wenig ausruhen und über meine Probleme nachdenken.

Es ist still hier drinnen. Die Geräusche der Autos dringen nur gedämpft durch die Mauern. Hie und da knackt es im Turm.

Nach einer halben Stunde sehe ich auf. Ein Sonnenstrahl fällt von rechts durch das schmale Fenster und erleuchtet den Platz vor dem Chor. Eigentlich ist es hier gar nicht so dunkel. Deutlich sehe ich die Bänke vorn, die Fliesen am Boden, und als ich mich umdrehe, ist auch der Raum hinter mir kein schwarzes Loch mehr. Ich erkenne die Holzpfosten der Empore und dahinter die weissgekalkte Mauer. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Der vorher so finstere Raum ist wenigstens andeutungsweise überschaubar geworden.

Und mein Problem? Es ist immer noch da und doch, auch es wurde irgendwie heller. Ich weiss jetzt wieder, dass Gott lebt. Ich weiss, dass Christus auferstanden ist. Etwas vom Licht seiner Auferstehung ist in dieser halben Stunde über mir aufgegangen. Es geht mir wie dem Sänger des Psalms: »Ich dachte ihm nach, dass ich’s begreifen möchte, aber es war mir zu schwer, bis dass ich ins Heiligtum Gottes ging.« (Psalm 73) Ja, und dann lernten meine Augen in seiner Gegenwart neu sehen.“

Margrit Fankhauser

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