Der Dialekt unseres Tales. Von Maria Lauber


In ihre Broschüre über das Frutigland „Unter dem gekrönten Adler. Die Talschaft Frutigen“ gibt Maria Lauber eine Kürzesteinführung in den Dialekt der Region. Das tönt so:

„Sprache

Der Dialekt unseres Tales hat mit andern das gleiche Los. Er ist schon längst nicht mehr ganz rein. Wenn du heute durch unser Dorf gehst, kann es sein, dass Laute an dein Ohr schlagen, von denen du nicht recht weisst, zu welcher Mundart sie gehören. Das ist besonders so, seit wir das Zeughaus haben am Reinischweg und die katholische Kirche am Leimbach. Der junge Frutiger selber pickt hie und da ein Körnlein auf aus diesem – Schweizerdeutsch, macht sich’s mundgerecht und spricht es aus, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Nur, wenn du „näbenus“ gehst, auf eine der abseits gelegenen obern Bäuerten, hörst du von alten Leuten noch den unverfälschten Dialekt. Schade um die Eigenart unserer Sprache! „Wir reden en-grobi Sprach“, meint der alte Frutiger; Professor von Greyerz aber sagt, dass es eine feine, reiche und schöne Sprache sei, ein Redaktor in der Ostschweiz schreibt „von rührend zarter Einfachheit“. Ein dritter, der sich auf Dialekte versteht, nimmt allerdings den Mund wohl voll genug, wenn er erklärt: „Die Sprache ist ganz herrlich.“
Das viel genannte und viel belächelte sogenannte Singen in unserem Dialekt gibt ihm etwas Freundliches und Liebenswürdiges. Den Doppellaut des Unterberners zieht der Frutiger wie der Simmentaler zusammnen in einen und sagt statt Loub, Boum, Rouch – Luub, Buum, Ruuch; statt leid, zeige, meine – liid, ziige, miine. Dafür biegt er den einen gedehnten Laut in See, meh, lehre, gleich ab in zwei und spricht Se-ä, me-ä, le-äre, wobei der zweite so leicht gesprochen wird, als würde er fallen gelassen.
Mit dem Berner des östlichen Oberlandes hat der Frutiger die Vorliebe für das am Schluss eines Wortes ausgesprochene n gemein. Nur dass er es dort lediglich braucht zum Binden: si sägen albe – zum Unterschied von: si säge albe. Das nd bei Hund, Band, spricht der Frutiger im Gegensatz zum Emmentaler ganz klar, ebenso das l, ja, es gibt Bäuerten, wo dieses mit der Zungenspitze auffallend deutlich artikuliert wird. Vom Simmentaler Dialekt unterscheidet sich der besonders des obern Frutigtales, indem er oft am SchluB eines Wortes statt e wie dort, das a setzt, als eine Angleichung an das Walliser Patois: Stäga, Gassa, Stuba.
Eigenartig in unserem Dialekt ist die Vorliebe für Diminutive. Auch der grösste Mann trägt gelegentlich ein Hüeti, Röcki, Hübi. Dass in einer so bewahrten Sprache auch längst vergessene und verlorene Wörter noch ihren Platz haben, ist verständlich. Man denke nur an tuchchele, ethütse, trockle. (1)
Doch genug. Es sei statt aller weitern Grammatik der lebendigen Sprache im Zusammenhang das Wort gegeben.

Bim Spine.
Zwo Schweschteri sin esmal e jedi fur scha sälber gsi. Iini ischt armlochtigi gsin ud di anderi fin ordelig zwäg. Aber beädu zäme si wärchligu gsi. Si han albe halb Nächti dur gspune. Wan der Tagloh ischt gringa gsi. (Denn het es Wibevolch oppa da so bir Biligi vierzg Santinen ol es Halbfränki verdienet am Tag, sächzg Rappe sin de schon öppis Sältses gsi.) Di Armi het finer u süferer gspune wan di Rihi. Aber du sie’s schier net het vermöge z’liechte, ol og, we si eghis Schmutzöel meh im Ampeli ghabe het, isch’i den albe ds Liechts twäge zur anderen-gan abesitzen u het bin ira Liecht gspune. Aber di Rihi het’s scho lengste g’ergeret, das di anderi eso glichlig u gäbig het chöne spine, u wan di Armi umhi esmal zue ra chunnt für z’spine, stellt si für gwüni ira Liecht in es Häfeli, dass’s numen ira inzig het möge zünte. Das het di Armi hert gha, aber si het sig net derfür ghabe z’gahn u het bin däm schwache Schin gspune win di andere, schier di ganzi Nacht. Aber wa si due het gseä, dass’s wollt afa lutere, isch’i hüdi gsin u siit:

„Jitz chunnt denn der liebi Tag,
wa niemer i ds Häfeli bschliesse mag.“

Sider het ma das Wort mengischt ghöert sägen in de Spissen omna.

(1) Vornübergebeugt gehen, leicht erschrecken, zögernd Antwort geben. (Wörter, die den Sinn der aus dem Dialekt angeführten ganz präzis wiedergeben, hat das Hochdeutsch nicht.) „

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