Hochgewitter auf der Alp, 1901


Hochgewitter auf der Alp

Ein Erlebnis am 11. August 1901
Das Bonderkummi ist ein Bergkessel mittlerer Grösse mit zwei kleinen Schattställen, die Raum bieten für gut 20 Stück Grossvieh. Auf zwei Seiten, rechts und in der Mitte, erheben sich die Flühe des Gross- und Kleinlonners. Besonders die gewaltige Bastion des Nünihorns rechts aussen wirkt schier gefahrdrohend auf den Wanderer, der den mühsamen Weg hinaufsteigt. Zur Linken aber steigt ein breiter Grasbändel, bewachsen mit herrlichen Alpenkräutern bald stärker, bald weniger steil bis ziemlich auf die Bonderspitze. Das Bonderkummi wird anfangs August mit Vieh besetzt bis anfangs September, wo dann oft genug Frostwetter und Schneefälle zur Abfahrt zwingen. Wunderschön bei klarem Wetter, wo man übers Hahnenmoos bis an die Waadtländerberge (Tornettaz) sieht, kein Schleck aber, bei dichtem Nebel oder Schneegestöber dort das Vieh zu hüten oder wenigstens zu beaufsichtigen. Ein Zaun ist da nicht, und leicht könnten unbeaufsichtigte Tiere über Grasbändel sich zu weit hinauswagen und hinunterstürzen.

So zügelten wir denn am 10. August, einem Samstag, von den Sennhütten der Bonderalp hinauf. Die frische Milch musste aber in Brenten hinuntergetragen werden zu den Alphütten zur Verarbeitung. Denn nach Bergrecht muss jeder Senn den ganzen Sommer in derselben Hütte käsen. Heiss war’s, die Sonne brannte, und am Nachmittag gab es ein heftiges Gewitter, aber nicht gar lang. Der Sonntagmorgen war wieder klar, schwül wurde es um Mittag, bald lagen Schatten um uns. Wir liessen die Kühe im frischen hohen Grase weiden, bis es zu donnern anfing. Langsam trieben wir sie den Ställen zu, während von fernher unaufhörlich der Donner rollte. Aber die Melker waren noch nicht wieder da. Sie hatten am Morgen nach dem Melken die Milch hinuntergetragen. So waren wir, ein Schärlein Kinder, allein bei den Kühen. Zwar war das Älteste von uns 17 Jahre alt, ein couragiertes, anstelliges Mädchen, aber wir andern kleine Schulbuben, mein Bruder Hans nicht einmal das.
Kaum haben wir das Vieh bei den Ställen, nicht darin, fallen die Hagelsteine schon massenhaft. Wir bringen in der einen Hütte noch das meiste Vieh ein, aber nun fällt der Regen wie aus Kübeln. Schon ganz durchnässt flüchten wir dem Vieh nach in den Stall, die andern Tiere ihrem Schicksal einstweilen überlassend. Zum Glück tobt kein Sturmwind, aber abwechselnd prasselt der Hagel nieder, und der Regen klatscht vom Boden wieder in die Höhe. Was werden die draussengebliebenen Kühe, ihrer neun oder zehn, machen? Einmal nachsehen sollten wir. Zwei von uns springen in das Wetter. Aber vor dem Stall, in den die Kühe sollten, kommt ein grosser wüster Bach, schwarzbraun mit Schlamm. Wir kommen nicht mehr zur Stalltüre ohne zu waten, was nicht ratsam ist. Die Kühe aber stehen im Gras wie die Prellböcke, den Kopf gesenkt, den Rücken ein wenig hochgezogen, ohne zu grasen. Sie stehen lassen und zurückspringen in den andern Stall ist eins. Da sind wir alle, es tropft uns aus den Kleidern, bald zittern einige vor Frost, andere aus Furcht; denn noch immer rollt der Donner, ja, bald kommt dazu ein Tosen von der Alp herauf bis zu uns. Was soll das Tosen? Noch immer müssen wir uns still verhalten.

Nach einer Stunde endlich lässt der Regen etwas nach. Da sehen wir hinunter auf die Alp, wo sich über das Grubi, – ein schönes Stück Weideland, – ein schwarzbrauner Strom ergiesst. Steine, Erde, Schlamm, alles gleitet über die Weide hinunter, findet endlich im tiefen Einschnitt unten am Berg seinen Weg und fährt nun mit füchterlichem Getöse ins Bondertal, unterwegs bald fortreissend, was nicht felsenfest ist, oder dann überschwemmend, wo der Graben nicht tief genug ist.
Endlich kommen die Melker von der Alp herauf. Sie mussten zuerst den grössten Morast über den Berg hinunter rinnen lassen, ehe sie einen Weg fanden zu uns. Noch manches Jahr hernach mussten an den alljährlichen Raumwerken im Grubi Schutt und Steine geräumt werden, die von jener Überschwemmung herrührten. Wir atmeten auf, als Vater erschien und uns, sobald der Regen nachliess, zur Alphütte hinunter schickte, um Kleider zu wechseln.
„Es hat an andern Orten auch wüstgetan“, sagte der Vater ein paar Tage später zu uns, als er vom Tale herauf den „Gschäfter“ (Geschäftsblatt) erhielt und alle die Hiobsbotschaften vom 11. August las. Als ich eine Woche nachher ins Tal musste, um Proviant zu holen, hatte der Kühbach im Hirzboden verschiedenes geändert in seinem Bachbett, dass man ihn kaum überschreiten konnte. Andere Bäche hatten ihr Bett zu eng gefunden und Wiesen mit Geröll und Schlamm übertragen. Am ärgsten hatte der Marchbach gehaust, der ein Stück Strasse fortgerissen und der Entschligen soviel Schutt zugeführt hatte, dass diese ihn nicht fortzuschaffen vermochte, sich staute und eine Brücke unter Wasser setzte, dass sie nicht mehr passierbar war. Auf der Otternalp war damals ein Rind in einen Bach gesprungen, war zwei Kilometer weit hinuntergespült worden und kurz vor der Einmündung in die Entschligen als Kadaver geblieben.
Viele Gewitter sind seither über Adelbodens Berge gebraust, am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist mir aber jenes vom 11. August 1901, wo wir kleinen Schulbuben einen solchen Wolkenbruch erlebten.
Von den fünf Kindern, die wir damals da oben waren, leben heute noch drei, mein Bruder und ich und Frau Schranz-Kurzen in Gsteig bei Saanen. Samuel Kurzen ist vor einigen Jahren verstorben und Abraham Schranz schon 1915 als Soldat in den Walliserbergen im Grenzdienst.
Von meiner Jugend an glaubte ich an Gottes gnädige Bewahrung. Sollte ich jetzt etwa anfangen zu zweifeln, wo er mich ein Menschenalter hindurch geleitet und bewahrt hat mitsamt den Meinen, die er mir schenkte?

Peter Klopfensteln, Oberwll i. S.

Heimatbrief Nr. 17, April 1962

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