Ganz viel Zahlen


Man nehme Daten der Eidgenössischen Stuerverwaltung – genauer Daten zu den Bundessteuern für jede Gemeinde – fülle diese in eine Datenbank oder in Excel, stelle ein paar Berechnungen an – und schon werden ganz interessante Unterschiede bezüglich Einkommensverteilung in und zwischen den Gemeinden sichtbar.

Da wirkt Datenjournalismus. Und wenn die Ergebnisse für alle Gemeinden in einer Grafik dargestellt werden, sieht das zum Beispiel für Adelboden wie unten aus:

Zu finden ist die interaktive Anwendung bei Tamedia,
genauer: bei –> bazonline

Adelboden 2017

Kurzerläuterung

Gini-Index
Beträgt er 1, erhält eine einzige Person das gesamte Einkommen und alle anderen nichts. Ist er nahe bei 0, verdienen alle nahezu gleich viel.

Median
Dieses Mass teilt in zwei Gruppen: In Adelboden verdienen 2017 50% mehr und 50% weniger als 44’900 Franken

Trend
Die ansteigende Linie zeigt den Trend: Je grösser das Medianeinkommen in einer Gemeinde, umso ungleicher ist dieses Einkommen verteilt.

Von Zauberhand

Datenjournalismus ist anspruchsvoll, insbesondere auch eine verständliche Präsentation der Ergebnisse. Da diese Ergebnisse z.B. für jede Gemeinde erläutert werden müssen, ist viel Textarbeit nötig. Und hier kommt der automatisierte Journalismus zu Hilfe:

Man programmiere den Computer so, dass er in einem vorbereiteten Text die Leerstellen mit den jeweiligen Ergebnissen zu einer Gemeinde ergänze und die passende Beschreibung hinzufüge – und schon hat man Tausende von Gemeindeporträts erstellt und für die Veröffentlichung bereit.
So lautet der automatisch fabrizierte Text zu Adelboden (etwas gekürzt):


“Vor wenigen Wochen hat das Volk die 99-Prozent-Initiative der Juso wuchtig abgelehnt. … Auch die Adelbodnerinnen und Adelbodner verwarfen die Initiative – und zwar mit 79,7 Prozent der Stimmen. Doch wie steht es eigentlich um die soziale Ungleichheit in Ihrer Gemeinde? Verdienen die Adelbodnerinnen und Adelbodner mehr oder weniger als die Leute in anderen Gegenden? Antworten auf diese Fragen bieten die Statistiken der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV), die zuletzt für das Jahr 2017 verfügbar sind. Darin steht, wie viel die 1’298 Steuerpflichtigen aus Adelboden für die direkte Bundessteuer an Einkommen ausweisen mussten. Die ESTV berechnet daraus ein Ungleichheitsmass – den sogenannten Gini-Index. Beträgt er 1, erhält eine einzige Person das gesamte Einkommen und alle anderen nichts. Ist er nahe bei 0, verdienen alle nahezu gleich viel.
Tiefe Einkommensunterschiede
In der Gemeinde Adelboden lag dieser Wert im Jahr 2017 bei 0,24. Zur Einordnung: Der gesamtschweizerische Gini-Index liegt bei 0,34. Die Ungleichheit in Adelboden ist also viel tiefer als im Mittel – die Einkommensunterschiede sehr klein. …
Adelbodner verdienen im Mittel 44’900 Franken
Im Mittel verdienten die Adelbodnerinnen und Adelbodner im Jahr 2017 44’900 Franken. Nicht ganz so viel wie in Muri bei Bern, wo 65’048 Franken verdient wurden, aber dafür mehr als beim kantonalen Schlusslicht Schelten (29’050 Franken). … Zum Schluss noch eine erfreuliche Nachricht: 2017 verdienten die Adelbodnerinnen und Adelbodner 7838 Franken mehr als noch im Jahr 2007. “

Zweifach neu

Was hier zu sehen ist, sind zwei noch gar nicht so alte Entwicklungen im Journalismus:

  • Der Datenjournalismus, der aus grossen Datenbeständen neue Einsichten zu Tage bringt.
  • Und der automatisierte Journalismus, der Journalist:innen für bestimmte Situationen repetitive Arbeiten abnimmt.

Beides verlangt neue Kenntnisse, neue Ausbildungen und aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen auch Zusammenarbeit.

Wer hat’s erfunden?

Schwierig ist es, für die Einführung dieser neuen journalistischen Arbeitsweisen eine bestimmte Person zu nennen. Im Datenjournalismus gibt es Medien, die früh damit begonnen haben. So der englische The Guardian oder auch die New York Times und The Economist.

Die Schweiz steht nicht abseits. Hinter den obigen Ergebnissen zum Gemeindeinkommen stecken zum Beispiel Timo Grossenbacher* und seine Kollegen von Tamedia. Die Ausbildung zeigt, was es für solchen Journalismus braucht: Geograph (z.B.), Informatiker und Zusatzwissen als Data Scientist und natürlich in Statistik. Eine Datenseite haben z.B. auch SRF oder die NZZ.

Und noch mehr

Diese Einkommensgeschichte hat übrigens schon früher noch eine weitere Stufe erklommen: die Darstellung in kartographischer Form.

https://timogrossenbacher.ch/2019/04/bivariate-maps-with-ggplot2-and-sf/

Fragen?

Datenjournalismus ist anspruchsvoll, weil Daten nie so ganz einfach vorliegen und immer auch miteinander vergleichbar gemacht werden müssen. Es stellen sich den Journalist:innen viele Fragen, die auch den Leser:innen beantwortet werden müssen:

  • Welches sind die aktuellsten Daten, hier: zur Bundessteuer?
  • Wie geht man mit den nicht Steuerpflichtigen um (Bundessteuer unter einem Einkommen von 17’800 CHF sind nicht fällig)?
  • Wie macht man sie vergleichbar (Äquivalenzeinkommen, Median)
  • Welche Berechnungsmethode wendet man am besten für den Vergleich an (Gini Index z.B.)?
  • Und viel weitere Fragen …

Übrigens

Im Kanton Bern schlägt Saanen (Gstaad gehört in diese Gemeinde) weit obenaus. Frutigen und die Lenk dagegen sind mit Adelboden ganz gut vergleichbar.

Saanen 2017

,

Frutigen 2017

.

Lenk 2017

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* nein, nicht verwandt mit dem hier Schreibenden

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