500 Jahre Kirche Adelboden. Das Fest in einem Schüleraufsatz von 1933

Als Auswärtige und Schülerin im 8. Schuljahr erlebte Marie das Jubiläum der Kirche Adelboden und schrieb einem Monat später dazu einen Schulaufsatz. Ein eindrückliches Zeugnis mit Bestnoten.

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575 Jahre Kirche Adelboden

Anlässlich der Feier zum 575. Jahrestag der Kirche Adelboden am 9. November 2008 haben Alfred Gutknecht und Albert Schranz eine informative Broschüre zur Geschichte dieser Kirche herausgegeben.

575 Jahre Kirche Adelboden
575 Jahre Kirche Adelboden

Aus dem Inhalt:

  1. Vorwort
  2. Von den Anfängen der Kirche um 1433
  3. Zur Zeit der Reformation
  4. Im 17. und 18. Jahrhundert
  5. Im 19. Jahrhundert
  6. Im letzten Jahrhundert
  7. Heute
  8. Schlusswort
  9. Quellenverzeichnis

Schlusswort: „Die Adelbodnerkirche, im Zentrum des Dorfes mit seinen Betriebsamkeiten, scheint auch heute immer noch ein Ort der Stille, der Besinnung und Begegnung zu sein“ (Seite 31)

Bezugsquelle der Büchleins 575 Jahre Kirche Adelboden
Tourist Center Adelboden und Foto Klopfenstein AG zum Preis von Fr. 6.-
oder per Post direkt beim Verfasser Alfred Gutknecht, Zelgstrasse 22, 3715 Adelboden
(Adressiertes und frankiertes Antwortcouvert C5 plus Fr. 6.- in Briefmarken)

In der Kirche

Aus: Margrit Fankhauser, Ein paar Körner Salz, Berchtold Haller Verlag, Bern, 1995

„Die Kirche in meinem Heimatdorf war schon immer recht dunkeI. Vor gut fünfzig Jahren hat man die Fenster im Chor mit starkfarbigen und modernen Glasmalereien versehen, die im Licht der Morgensonne wunderbar leuchten, aber dem Raum einen grossen Teil der Helle nehmen. Und nun war wieder renoviert worden. Auf Anweisung der Denkkmalpflege mauerte man die Fenster an der Rückwand zu. Die Kirche ist ohne künstliiches Licht nicht mehr benützbar.

Als ich, aus der Helle des Nachmittags kommend, den Raum betrete, kann ich erst überhaupt nichts sehen. Mühsam taste ich mich im Dunkeln vor, erreiche die Lehne eines Stuhls und tappe dann vorsichtig gegen das Chor, wo es etwas heller ist. Dort setze ich mich auf eine Bank.

Das Elektrische zünde ich nicht an. Ich will ja nicht die Kirche besichtigen, nur ein wenig ausruhen und über meine Probleme nachdenken.

Es ist still hier drinnen. Die Geräusche der Autos dringen nur gedämpft durch die Mauern. Hie und da knackt es im Turm.

Nach einer halben Stunde sehe ich auf. Ein Sonnenstrahl fällt von rechts durch das schmale Fenster und erleuchtet den Platz vor dem Chor. Eigentlich ist es hier gar nicht so dunkel. Deutlich sehe ich die Bänke vorn, die Fliesen am Boden, und als ich mich umdrehe, ist auch der Raum hinter mir kein schwarzes Loch mehr. Ich erkenne die Holzpfosten der Empore und dahinter die weissgekalkte Mauer. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Der vorher so finstere Raum ist wenigstens andeutungsweise überschaubar geworden.

Und mein Problem? Es ist immer noch da und doch, auch es wurde irgendwie heller. Ich weiss jetzt wieder, dass Gott lebt. Ich weiss, dass Christus auferstanden ist. Etwas vom Licht seiner Auferstehung ist in dieser halben Stunde über mir aufgegangen. Es geht mir wie dem Sänger des Psalms: »Ich dachte ihm nach, dass ich’s begreifen möchte, aber es war mir zu schwer, bis dass ich ins Heiligtum Gottes ging.« (Psalm 73) Ja, und dann lernten meine Augen in seiner Gegenwart neu sehen.“

Margrit Fankhauser

Kirchliche Erinnerungen von Hans Künzi

Aus: Adelbodmer Heimatbriefe, Nummer 26,  1967, Seiten 8-10.

Kirchliche Erinnerungen

„Es mag um die Jahrhundertwende (1900) gewesen sein, als ich meine Eltern zur Predigt begleiten durfte. Sonntagsschulen wurden erst später eröffnet. Der Kirchweg durch den Ausserschwand herein war im Sommer noch grosstenteils mit Gras überwachsen und in den Grundbuchern hiess es: Fuss- und Kilchweg. Predigtbeginn war das ganze Jahr um 11 Uhr, was den Bergbauern, und andere gab es noch wenige, vor dem Predigtgang zu hirten erlaubte. Die Männer trugen währschafte Gewänder aus Halblein, von brauner bis gelber Farbe, wo besonders bei den Spissern, die in Scharen unsere Predigt besuchten und in den Spisserstühlen unter der Kanzel ihren Platz hatten, die Fäckenröcke (Speckseitenkutten) fast vorherrschten. Alle trugen einen Filzhut, auch die Buben. Während die Frauen und Mädchen, in langen Faltenrocken bis auf den Boden, die Haare straff gekämmt und die Zöpfe aufgesteckt unter den Hüten verborgen, in der Kirche warteten, setzten sich die Manner nach Begrüssung und Handschlag, wobei sie einander mit den Worten: „Gsünder“, gute Gesundheit und Wohlergehen wünschten, auf die Bänklein beim Sternen und Beck Samis Bäckerei, oder standen in Gruppen beisammen, um sich beim ersten Glockenschlag in Bewegung zur Kirche zu setzen, nicht den nächsten, kürzesten Weg schräg hinauf zur Osttüre einschlagend, sondern den Weg neben dem alten Ahorn vorbei zur Westtüre benutzend. Überhaupt scheint das der vornehmste Eingang gewesen zu sein. Keine Hochzeit und keine Taufe gingen bei einer andern Türe aus und ein. In der Kirche war noch die alte Bestuhlung, wie noch auf den Portlauben Überreste sind. Balken ohne Lehnen, den Gängen nach auf Längsbalken aufgelegt, die zu übersteigen Gehbehinderten, und deren gabs wohl mehr als heute, Mühe bereiteten. Es wurde streng getrennt nach Geschlechtern gesessen, die Männer von Rinderwald und Achseten unter die Kanzel, die Frauen von der Kanzel aus rechts, die Männer links, die ledigen Burschen auf die linke Portlaube, die ledigen Töchter rechts, wie ja auch noch die Spruche an den Portlauben andeuten. Dann schritt Vater Johannes Hari, a. Lehrer und Pensionshalter „gsatzlich“ zum Abendmahlstisch, öffnete die mächtige Lutherbibel und: Höret vorlesen aus dem heiligen Worte Gottes, wie uns solches aufgezeichnet und hinterlassen ist im: es folgte die Angabe der Bibelstelle und nun las er mit lauter, allen verständlicher Stimme einige Kapitel der Hl. Schrift, bis die aufstehende Gemeinde den eintretenden Pfarrer begrüsste. Nach Vater Hari hat Lehrer Joh. Jaggi das Vorleseramt weitergeführt. Warum ist dieser altehrwürdige Brauch ergangen? Ich wage keine bestimmte Antwort. Dieser Gottesdienst war ganz freiwillig und wir Jüngern hätten es ohne äussere Aufforderung nicht gewagt, diese ehrwürdigen, bibelfesten Männer zu ersetzen. Beim Eintritt suchten die Männer ihre Plätze auf, womöglich den gleichen Platz, auf dem schon Vater und Grossvater der Predigt gelauscht hatten. Der Sigrist Daniel Zryd kam zur Turmtüre heraus und schritt gemächlich zu seinem Platz neben der Orgel, um seinen Bruder beim Blasebalgtreten abzulösen. Auf dem Orgelstuhl sass Lehrer Fändrich, ebenfalls eine ehrwürdige Gestalt mit schwarzem Wollbart, und entlockte der Orgel wunderbare Weisen. Dass ich als Bub lieber neben dem Vater unter Männern sass, als neben der Mutter auf der Frauenseite, weiss ich noch heute. Der Gottesdienst, von dem ich natürlich nicht mehr etwas besonderes weiss, war ähnlich dem heutigen, nur dass die Gemeinde die Textverlesung stehend anhörte. Der Kirchengesang war ausschliesslich Sache der Frauen. Selten ein Mann beteiligte sich dabei, darum hörte man die wenigen Sänger, besonders den Vater Hari mit seinem mächtigen Bass, besonders heraus. Trotzdem ich von der Predigt wenig verstand, vertiefte sich bei mir die Ehrfurcht vor Bibelworten und Kirchenliedern und die damals noch übliche Pflicht oder der alte Brauch, dass wenigstens aus jedem Hause jemand die Predigt zu besuchen habe. Zu langweilen brauchte ich mich nicht, waren doch so viele interessante Dinge zu sehen: Die Sterne am Tonnengewölbe, die Luftöffnung in der Decke, die Kanzel und besonders der Deckel darüber, von dem ich fürchtete, er stürze auf den Kopf des Pfarrers, die besonderen Grimassen derer, die sich gegen den Schlaf wehrten. Warum während des Orgelspiels jeweils mit grosser Regelmässigkeit der Kopf des Sigristen über der Portlaubenwand empor tauchte und ebenso regelmässig wieder verschwand, dies Geheimnis lüftete sich mir, als ich wohl als grösserer Bub auf der Portlaube sass.

Der Weibelstein

Es war aber noch etwas anderes, als die Predigt, welches die Männer in den Schwand rief, es waren die Bekanntmachungen des „Verläsweibels“. Vor dem Weibelstein nach der Predigt versammelten sich die Männer. Der Weibel Gilgian Aellig begann: Loset das Wort. Was wurde da bekannt gemacht: Versammlungen der Gemeinde, Bäuerten, gemeinen Bergen, Steigerungen in der Gemeinde, fort- oder zugelaufenes Schmalvieh wurde ausgerufen und besonders im Spätherbst wurden hier die Männer zum „Gmiiwärch“ zur Verbesserung von Brücken und Schwellen und Herstellung der Winterschlittwege aufgeboten, wo sie mit guten Werkzeugen zu erscheinen hatten. Dass sich bei diesem Verlesen auch unfreiwilliger Humor einschlich als der Berg Sillern bekannt machen liess, dass die Schweine „vor und hinderi gringet werden sollen“; natürlich war Vor- und Hintersillern gemeint.

Als dann der Anzeiger eingeführt wurde, hörte dieser alte Brauch auf, um höchstens an der Bergrechnung noch als Rest aufzutauchen. Merkwürdig mutet es uns heute an, dass die Abendmahlsgefässe nicht im Pfarrhaus, sondern im Gasthaus Sternen aufbewahrt wurden und Kilchmeier und Kirchgemeinderäte von dort aus in die Kirche gingen. Ebenso versammelten sich hier die Taufen. Die Sternenwirtin, ds Hager Süsi, hatte sogar Taufröcke, die es willig auslieh. Die Kindträgerin kehrte mit dem Täufling in den Sternen zurück, wo sich die Wirtin eifrig um das Kleine bemühte, es aber auch nicht unterliess, altem Brauch oder Aberglauben gemäss, dem Täufling ein paar Tropfen „Tufiwii“ einzulöffeln. Gegen was alles diese Medizin gut sein sollte, kann ich nicht bestimmt mehr sagen. “

Hans Künzi