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Tristen revisited

Wieso faszinieren sie (nicht nur) mich immer wieder?

Ist es die ziemlich geniale und einfache Art, einen Nahrungsvorrat anzulegen? Ist es das alte Handwerk, welches dahintersteckt? Der Nutzen, den sie hungrigen Tieren im Winter spenden?

Wie auch immer, –> hier wieder mal ein (interaktiver) Blick auf diese selten gewordenen Landschaftsphänomene.

Und so geht es auch: den Link in der Bildlegende anclicken und mit scrollen beginnen!

Meisterhafte Ansichtssachen

Dass in Adelboden die Photographie früh herausragende Vertreter besass, ist weitherum bekannt. Und immer wieder bringen die Archive überraschende Schönheiten hervor.

Wunderschöne Ski- und Winterbilder aus den Archiven von Emanuel Gyger (1886– 1951) und Arnold Klopfenstein (1896–1961) sind im Oktober 2020 in Berlin in einer speziellen Ausstellung mit eigener Website gewürdigt worden,

Gyger & Klopfenstein / Sammlung Daniel Müller-Jentsch

Und so die Einschätzung der Austellungsmacher:

"Sie [Gyger und Klopfenstein] interließen über 10.000 Landschaftsfotografien mit einem Schwerpunkt auf alpinen Schnee- und Winterwelten. Auf ihren Expeditionen durchs Hochgebirge entstanden dabei auch etwa 250 Skifotografien, die zu ihren Lebzeiten ein Nebenwerk darstellten, aber rückblickend als ihr künstlerisches Hauptwerk zu betrachten sind. In den 1920er und 1930er Jahren perfektionierten Gyger und Klopfenstein mit der Skifotografie ein damals noch junges Genre."

Zeitgleich mit der Ausstellung ist 2020 auch ein Buch von Daniel Müller-Jentsch erschienen


Daniel Müller-Jentsch (Hrsg.), Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein – Pioniere der Skifotografie. Regenbrecht Verlag, Berlin.
ISBN 978-3-948741-04-4

Ausstellung und Buch haben einige Wellen geworfen.
Arte hat in seinem TV-Kanal einen eigenen kurzen Film publziert, der noch bis zum 13.10.2021 verfügbar ist.
– In der –>NZZ, bei >swissinfo …. finden sich mehr von diesen erstaunlichen Bildern.

Gyger & Klopfenstein / Sammlung Daniel Müller-Jentsch

Und mehr noch

Nicht nur technische und ästhetische Raffinesse zeichnen Klopfenstein/Gyger aus. Ihre Archive bieten auch historisch Interessantes.

Ein weiteres Beispiel dazu ist das 2018 erschienene –> Buch „Adelboden in alten Ansichten“:

Adelboden in alten Ansichten Autoren: Peter Klopfenstein, Toni Koller, Christian Bärtschi 228 Seiten, 29,8 . 21,1 cm, gebunden, Hardcover Mit 212 Abbildungen ISBN 978-3-03818-185-9

Eine ausführliche –> Rezension dazu und auch etwas zur Fotogeschichte in Adelboden ist in der Berner Zeitschrift für Geschichte 2020 erschienen.

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Von Kunst allein …

Aber letzlich ist die Fotografie auch ein Geschäft, das die professionell Fotografierenden ernähren soll.
Faszinierende Bider auf Postkarten sind dabei ein wichtiges und breite Aufmerksamkeit bringendes Standbein. Sie finden sich heute noch in den Auslagen der lokalen Geschäfte und sind telweise – wie bei –> Photo Klopfenstein – auch online erhältlich; dies in verschiedenen Formen und für unterschiedliche Orte auch ausserhalb Adelbodens.

Schon Jahrzente zuvor war einiges an Marketingphantasie nötig, um das Faszinosum Bild und Erinnerung unter die Leute zu bringen.

So zum Beispiel Gyger/Klopfensteins kleinformatige Bildersammlungen in Sichtumschlägen, die leicht transportierbar und ebenso leicht als Geschenk verschickbar waren, Preis in den 1960er Jahren 1.60 CHF für ein 10er Set, zu heutigen Preisen (–> Teuerungsrechner BFS) ca. 5.30 CHF (Dank an Dominique Frei, Genf, der sich an diese Erinnerungen erinnerte!) .

Zukunft?

Ob solche Artikel allerdings den digitalen, in Echtzeit verschickbaren Smartphone-Eigenkreationen standhalten können? Man kann gespannt sein, welche Geschäftsmodelle sich mit hochwertigen Aufnahmen und Archiven noch entwickeln werden. Es muss nicht immer gedruckt und physisch vorhanden sein – digitale Originale mit NFT (–> non fungible tokens) sind bereits verbreitet.

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Ein Schneider in Adelboden

Ein Blick in die Geschichte zweier Generationen aus einem Bergdorf. Er zeigt uns, wie der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft persönliche Schicksale mitprägt.

Friedrich (1873-1951)

Am Beginn: Friedrich Lauber, Sohn des Landwirts und Schumachers Stephan Lauber. Vom Vater soll er das Schuhmachen gelernt haben, als Kind half er wohl mit beim Herstellen von Spanschachteln, die der Zündholzfabrik in Kandergrund als Verpackung dienten. Verbunden damit waren auch lange Wege auf der alten Adelbodenstrasse beim Abliefern in die Fabrik.

Friedrich kauft oder tauscht nach seinem Auszug aus dem Haus der Eltern ab 1898 in kurzen Abfolgen verschiedene Wohnstätten bis er dann ab 1901 im Adelbodner Ortsteil Boden (Thal) ein Haus mit etwas Weide, Wald und einer Heumatte erwirbt und etwas länger bewirtschaftet.

Walehälti / Im Tal

Beginn

Friedrich ist verheiratet mit einer Tochter des Lehrers Fritz Allenbach. Und hier dringt der auch in Adelboden Einzug nehmende Tourismus langsam in sein Leben ein, genauer des Hoteltourismus und noch genauer des Hotels Bellevue.

Die Webseite des heutigen Hotels Bellevue beschreibt diese Anfangsphase so:

„1901 | Lehrer Fritz Allenbach lässt das Hotel Bellevue als Holzbau mit Seitentürmen und -erkern bauen. In Adelboden entstehen 1901 etliche weitere Hotels. Den Hotelboom lösen Lehrer und Bauern aus, die sich – vergleichbar mit den nach Amerika ausgewanderten Goldgräbern – vom neuen Geschäft Reichtum oder zumindest eine sichere Existenz erhoffen. Ganze Familien helfen als Bürgen bei der Finanzierung der Bauten mit. Parallel dazu erfährt Adelboden eine Art «Kolonisierung» durch Hoteliers aus dem inneren Oberland, das von englischen Touristen schon fünfzig bis siebzig Jahre zuvor erobert worden ist. Doch da sich in diesen Gebieten schon um die Jahrhundertwende eine Sättigung an Hotelbetrieben abgezeichnet hat, expandieren sie in das noch unberührte Engstligental. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfährt die blühende Tourismusbranche einen ersten Rückschlag. Die Gäste bleiben aus, die Logiernächte sinken beträchtlich.“

Die Statistik zeigt diesen Einbruch der Gästezahlen und der Logiernächte und damit auch der Einnahmen mehr als deutlich:
(Grafiken können in der Regel mit Rechtsclick -> „Grafik anzeigen“ im Grossformat betrachtet werden)

Die Webseite des Hotels beschreibt die weitere Zukunft rosig:

„1919 | Nach Kriegsende übernimmt die Kantonalbank von Bern (heute Berner Kantonalbank) das Hotel Belleuve und baut es zu einem für damalige Begriffe modernen Hotel aus. Die Bäder, die in einem Teil der Zimmer eingebaut werden, entsprechen höchsten Komfortansprüchen. Das Bellevue wird als Kuranstalt mit Dr. G. Schaer als Arzt und A. Wenger als Hoteldirektor geführt und heisst fortan Parkhotel Bellevue.“

Exodus

Aber ganz so rosig ging es für Friedrich Lauber nicht weiter. Seine Frau, die Tochter des Lehrers Allenbach, ist 1908 gestorben. Er hat für seinen von der Krise gebeutelten Goldgräber-Schwiegervater gebürgt … und mit ihm Geld verloren. Im Februar 1915 muss er daher sein Haus im Thal verkaufen. Er verlässt 1917 das Dorf Richtung Unterlangenegg. Dank eines Erbes seiner zweiten Frau Bertha Dänzer kann er dort den Hof Schindler erwerben.

Der Hof im Umfang von 952 Aren liegt am Hang, umfasst Garten, Ackerland, Wiesen und eine „Rutschpartie“. Tatsächlich ereignet sich im Juni 1987 im Hirschigraben ein grosser Erdrutsch und staut die Zulg.

Wilhelm 1922-1999

Und hier beginnt die Geschichte von Wilhelm Lauber: Geboren 1922 im Schindler.
1939, der Vater Friedrich war alt geworden und wollte – vielleicht auch getrieben von Heimweh – zurück nach Adelboden. So verkauften sie den Hof und machten sich auf den Weg, allerdings mit einem einjährigem Zwischenhalt im Tregel, nur noch 4,5 km Luftlinie vom Elternhaus entfernt. Dieses konnte Friedrich dann 1940 von einem Neffen mieten und dort mit seiner Frau Bertha und umgeben von geliebten Ziegen sein Alter verbringen.

Friedrich und Bertha Lauber-Dänzer

Berufsanfang

Das (heute nicht mehr existierende) Elternhaus in der Sunnsite-Bodezälg, neben dem Bodenschulhaus gelegen, war einfach und sonnig.

Grundriss Elternhaus Sunnsite-Bodezälg (abgebrochen)

Nach der Schneiderlehre in Belp beginnt Wilhelm selbständig zu schneidern.
Die Stube im Elternhaus dient ihm anfänglich als Atelier.

Leben in der ökonomischen Nische

Und er wirtschaftet offenbar gut, so dass er sich 1948 ein eigenes Haus mit zwei Wohnungen bauen kann, gelegen am alten Wanderweg aufs Kuonisbergli.
Und so ist aus Wilhelm Lauber der Schneider im Boden geworden. Das Wirtschaftsmodell ist nachhaltig. Wieder spielt – neben dem Kleingewerbe – auch der Tourismus mit, diesmal die Parahotellerie: Zum einen bietet Wilhelm in der Boutique im Parterre lokalen Kunden Sonntagsgewänder, halbleinene Hosen und Mutzen für Gesangsvereine an, flickt Kleider.

Wilhelm Lauber und Schwester Berta Lauber

Zum andern sorgt seine Schwester Berta, die mit ihm – und bis 1963 auch mit der Mutter Bertha – im Haus lebt, für die Ferienwohnung, die gut besucht ist. Das Gästebuch zeugt davon, ab und zu poetisch. Und verrät dabei, dass Wilhelm auch als Fremdenführer wirkte.

Aus dem Gästebuch der Ferienwohnung

Etwas mehr als 50 Jahre bewährt sich dieses Lebensmodell der beiden Geschwister bestehend aus lokalem Handwerk, kontinuierlichem Ferienwohnungstourismus und Selbstversorgung aus dem Garten. Umgeben von Blumen und Katzen. Home office der anderen Art – oder doch nicht?

Wilhelm Lauber stirbt Ende 1999, kurz vor dem Lotharsturm; Berta mit 90 Jahren 2003 im Altersheim.

Aus Wilhelm Laubers Schneiderwerkzeugkiste